arrow down zurück
Sargträger

Richter, Gerhard

*1932 in Dresden
lebt und arbeitet in Köln

Sargträger, 1962

Öl auf Leinwand
135 x 180 cm

Inventar-Nr.: GV 56

Erwerbungsjahr: 1979

© Gerhard Richter

Das Gemälde „Sargträger“ ist eine von Gerhard Richters frühesten Arbeiten, die auf die Vorlage einer Zeitungsfotografie zurückgehen. Es entstand 1962, ein Jahr nach Richters Übersiedlung in den Westen Deutschlands, wo sich der ausgebildete Bühnen- und Plakatmaler unter dem Eindruck der gestischen Manier seines Lehrers Karl Otto Götz an der Düsseldorfer Akademie zunächst mit informellen Stilrichtungen befasst. Schon bald allerdings betrachtet Richter seine zudem von den Materialbildern Alberto Burris sowie Lucio Fontanas geschlitzten „Concetti spaziali“ beeinflussten, informellen Versuche als erweiterbar und beginnt damit, Fotografien mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand zu übertragen. Von nun an wählt er Fotos aus Presse und Werbung sowie Schnappschüsse und gestellte Posen aus dem Familienalbum als Vorlagen seiner Malerei. Diese Vorlagen fügt Richter seit 1969 als ein „work in progress“ zu großen Collagen, den sogenannten Atlas-Tafeln, zusammen - ein heute aus etwa 500 Tableaus bestehendes, eigenständiges Werk und zugleich historisches Bildarchiv. Die Benutzung von anfangs nicht selbst hergestellten Fotografien eröffnet Gerhard Richter die Möglichkeit, eine „reine Malerei“ zu schaffen - befreit von eigenen Vorstellungen zu Komposition, Farbe, Inhalt und stilkreierender Gestaltung. Mittels einer bewusst willkürlich ausgesuchten Fotovorlage gelingt es ihm, seine „gemalten Fotografien“ auf eine sekundäre Wirklichkeitsebene zu verlagern, die dem Betrachter emotionale Distanz ermöglicht: „Ich war überrascht vom Foto. […] Ich konnte es plötzlich anders sehen, als Bild, das ohne all die konventionellen Kriterien, die ich vordem mit Kunst verband, mir eine neue Sicht vermittelte. [...] Es befreite mich vom persönlichen Erlebnis, es hatte zunächst gar nichts, es war reines Bild.“ In unserem Bild ist der Realismus des Sargtransports mit groben, weit ausgreifenden Übermalungen kontrastiert. In beinahe monochromer Farbgestaltung werden die den Hintergrund definierenden Flächen und Konturen vermalt und im Bildzentrum durch einen heftigen kreisenden Malgestus ersetzt. Die von der Fotovorlage verbürgte Bildwirklichkeit wird zudem durch herablaufende Farbtropfen und -schlieren verunklärt - ein Gestaltungsmittel, das gleichzeitig in Amerika und dort insbesondere von Robert Rauschenberg entwickelt wurde. Beleg dafür ist dessen im selben Jahr entstandenes Gemälde „Vault“, das ebenfalls in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist.