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Metropolitain (House of Pictures)

Doig, Peter

*1959 in Edinburgh, Schottland
lebt und arbeitet in Trinidad

Metropolitain (House of Pictures), 2004

Öl auf Leinwand
275,3 x 200 cm

Inventar-Nr.: GV 161

Erwerbungsjahr: 2004

© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Hoch ragt die tropisch-grüne Hügellandschaft hinter dem Mann mit Zylinder auf, wirkt wie eine Wand, auf der die rechteckigen Umrisse imaginärer Bilder erscheinen - leere Rahmen, montiert an unsichtbaren Aufhängungen. Ausschnitte einer geistigen Natur? Platzhalter für Bilder, die erst noch entstehen müssen? Projektionsflächen für unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen? In dem Maße, in dem die Objekte der Anschauung geradezu demonstrativ entzogen werden, verweigert sich der merkwürdige Metropolit der Gegenwart des Betrachters. In seinem altertümlich wirkenden Gehrock und dem Hut ist der Dargestellte eindeutig kein Mann des beginnenden 21. Jahrhunderts, eher erinnert er an einen Bürger des 19. Jahrhunderts. Seine auffallende rote Nase, das grüne Hutband, das lässig geschlungene weiße Halstuch sowie die bunten Flicken auf seinem Ärmel lassen ihn als Karikatur eines Künstlers, als Einzelgänger erscheinen. Die Kleidung des Mannes als bewusst eingesetzter Anachronismus wird zum Indiz für eine ‚andere‘ Zeit, macht ihn zu einer ‚anderen‘ Figur und verlegt das gezeigte Geschehen an einen ‚anderen‘ Ort. Wie eine verloren gegangene und übermäßig vergrößerte Staffagefigur aus dem Panorama eines Vedutenmalers steht der Mann vor dieser Wand - mit sich und einer rätselhaften Welt allein. „Metropolitain“ erweist sich als ein metaphorisches Bild. Die Pole menschlicher Zivilisation und Erfahrung scheinen aufeinanderzutreffen: der Kontrast von Natur und Kultur, Vergangenheit und Gegenwart, Alltagserfahrung und Traumgespinst. Mittels des Anachronismus und einer vordergründig exotischen Motivik ist die Abtrennung von der gesicherten Erfahrung eines ‚Jetzt‘ und ‚Hier‘ festzustellen, eine künstlerische Strategie der bewussten Distanznahme auf mehreren Ebenen. Diese offensichtliche Ungleichheit von Kunstwerk und Betrachter wird als Erfahrung der Entfremdung zur grundlegenden Qualität des Bildes. Die Inspiration zu Doigs „Metropolitain“ stammt von Hononré Daumier, dessen „Amateur d'estampes“ (1857) der Künstler in Chicago gesehen hatte. Die Aneignung der Daumierschen Gestalt ist allerdings mehr als ein Spiel mit dem kunsthistorischen Zitat. Sie stellt einen Schlüssel für Doigs Verständnis von Kunst als eines sich permanent wiederholenden und neu erschaffenden Prozesses dar. Seine Figuren sind allesamt Einsame; es geht ihm nicht um originelle oder gar exotische Momente, sondern um die Schaffung einer speziellen Atmosphäre. Peter Doig verfolgt eine Malerei, die so vage bleibt, dass diese Offenheit sie aus der Zeit heraushebt. Eine ähnliche künstlerische Auffassung findet er bei Künstlern wie Henri Matisse, Edvard Munch oder Edward Hopper wieder. Einsamkeit, wie Peter Doig sie versteht, ist mit der größtmöglichen Freiheit gleichzusetzen, über Richtung und Bedeutung des Lebens selbst zu entscheiden.