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Doppelgarage

Hirschhorn, Thomas

*1957 in Bern, Schweiz
lebt und arbeitet in Paris, Frankreich

Doppelgarage, 2002

Holz, Mischtechnik
400 x 590 x 1980 cm Objektgröße

Inventar-Nr.: GV 160

Erwerbungsjahr: 2004

© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

„Für mich ist die Kunst ein Werkzeug, um die Welt kennen zu lernen. Kunst ist ein Werkzeug, um mich mit der Realität zu konfrontieren. Kunst ist ein Werkzeug, um die Zeit, in der ich lebe, zu erfahren", sagt Thomas Hirschhorn und konfrontiert in der aus zwei begehbaren Einheiten bestehenden Rauminstallation „Doppelgarage“ den Betrachter mit fundamentalen Kategorien menschlichen Fühlens und Handelns: Verzweiflung und Wut, Rache und Vergeltung, Gewalt und Gegengewalt, den Komplex von Schuld, Sühne und Humanität. Für die Auseinandersetzung mit diesen Grundbegriffen wählt der Künstler einen Ort, an dem einerseits jene Abgeschiedenheit herrscht, die die Grundlage für geistige Unabhängigkeit bildet, während andererseits in diesem Hobbykeller oder Bastelraum ein tätiges Wirken möglich ist. Hier artikulieren sich „vita activa“ und „vita contemplativa“ gleichermaßen. Somit ist Doppelgarage beides zugleich: Raum praktischen Lebens und Imaginationsraum für die freie Entfaltung von Ideen. Ausgangspunkt für Hirschhorns Werk ist der 11. September 2001, jener Tag, an dem die Vereinigten Staaten von Amerika Ziel einer verheerenden Anschlagsserie wurden, herbeigeführt durch den Absturz von vier entführten Passagierflugzeugen. Diese Ereignisse sind Teil einer komplexen Vorgeschichte mit zahlreichen, sich teilweise überlagernden Handlungssträngen, deren direkte und indirekte Konsequenzen heute noch nicht absehbar sind. Thomas Hirschhorns „Doppelgarage“ widmet sich dem Nachdenken über diesen historischen Zeitpunkt - ohne jede Dogmatik, ohne einen Anspruch auf Gültigkeit und aus einer zutiefst persönlichen Perspektive heraus. Beide Räume der „Doppelgarage“ sind von kargen Neonröhren beleuchtet, die Wände mit Aufklebern übersät. Im ersten Raum befindet sich eine aus Zeitungsausrissen und Klebebändern collagierte Hügellandschaft auf vier Tischen. Modelleisenbahnen drehen stoisch ihre Runden. Den sich dahinter anschließenden, zweiten Raum dominiert ein überdimensionales, mit Goldfolie überzogenes, zigarrenförmiges Objekt, das an eine Rakete erinnert. In zahlreichen Textfragmenten wird Friedrich Nietzsche zitiert und kommentiert. Schrift, Bilder, Objekte setzen die Betrachter der Flut des Aktuellen aus und überfordern sie mit einer überbordenden Materialfülle. Das Werk verkörpert den (künstlerischen) Anspruch, die Welt als Ganzes und in all ihren Facetten zu erfassen - und bezeugt im selben Moment die Vergeblichkeit dieses Strebens. Es herrschen Klarheit und Verworrenheit zugleich, Widerspruch und Logik, öffentliche und private Sichtweisen schließen einander nicht mehr aus. Als unmittelbarer Versuch, mit Geschichte umzugehen, ist das Werk zu einem datierbaren Zeitpunkt - am Anfang des 21. Jahrhunderts - entstanden und wie kaum ein anderes Werk der Gegenwartskunst spiegelt es die zeitgenössische politische und soziale Verfasstheit der westlichen Zivilisation wider - in aller Offenheit und mit allen Fragen, die diese Nähe zum zeitlichen Geschehen aufwirft. Als Kunstwerk weist es allerdings auch weit über diesen Zeitpunkt hinaus. Gerhard Richters Bilderzyklus zum „18. Oktober 1977“ (The Museum of Modern Art, New York) ist ein Werk von vergleichbarem Rang. Mit ihren klaren Bezügen zu Friedrich Nietzsche steht Doppelgarage in einer Reihe von fünf Arbeiten, die Thomas Hirschhorn bedeutenden Philosophen gewidmet hat. 1999 mit dem „Spinoza-Monument“ in Amsterdam begonnen, fand sie mit den „Monumenten für Deleuze“ (Avignon, 2000) und „Bataille“ (Beitrag für die documenta 11 in Kassel, 2002) ihre Fortsetzung. Ein fünftes und letztes Monument ist Antonio Gramsci gewidmet. Wie die anderen Werke lässt sich „Doppelgarage“ gleichfalls als Metapher für das Geflecht der Hierarchien und Abhängigkeiten in der gegenwärtigen Gesellschaft lesen. Innerhalb der Sammlung der Pinakothek der Moderne stellt Doppelgarage einen markanten Anschluss an das Werk von Joseph Beuys dar, dessen prozessualer Werk- und Skulpturbegriff eine wesentliche Basis für Thomas Hirschhorn bildet.