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Der Trommler

Baselitz, Georg

*1938 in Deutschbaselitz, Sachsen
lebt und arbeitet am Ammersee und in Imperia, Italien

Der Trommler, 1982

Öl auf Leinwand
250 x 330 cm

Inventar-Nr.: GV 165

Erwerbungsjahr: 1993

Das Werk von Georg Baselitz kreist um das Thema Malerei. In immer wieder neuen, überraschenden Formulierungen hat er seit den späten 50er-Jahren ein Œuvre geschaffen, das sich aus unterschiedlichsten Perspektiven der Lösung einer zentralen künstlerischen Frage verschreibt: Wie kann ein autonomes, von keiner anderen Realität und damit auch Ideologie abhängiges Kunstwerk beschaffen sein, ohne deshalb zugleich völlig ungegenständlich, abstrakt zu sein? Wie lässt sich das Gleichgewicht zwischen Bindung und Willkür, Gesetz und Anarchie fassen? Aber primär: Wo liegt die besondere Rolle der Malerei im Klanggefüge unterschiedlicher künstlerischer Sprachformen? Die ebenso lapidare wie komplexe Antwort von Baselitz liegt im Ausloten einer möglichst engen Synthese von Figuration und Abstraktion, ein Weg, der sowohl inhaltlich bestimmte als auch emotional ungebundene Assoziationen zulässt. In einer singulären Balance von innerer Freiheit und Gebundenheit präsentiert sich „Der Trommler“ von 1982. Deutlich geprägt von den skulpturalen Erfindungen dieser Jahre, wirkt der in ritualer Geste einsam dem Schwarz entgegentrommelnde nackte Mann wie in die Bildfläche gemeißelt. Ein schmaler weißer Streifen ist der nur wenig durchbrochenen Schwärze, die zwei Drittel des Bildes bestimmt, konfrontiert. Wird der sonnengelb leuchtende Mann die Kraft aufbringen, das Schwarz zu verdrängen, Weiß zum Sieg zu verhelfen? Es sind miteinander kämpfende Kräfte, die sich nicht von ungefähr in die deutschen Farben kleiden. Ein deutsch-deutscher Konflikt, der in dieser Zeit noch schwelt und dessen Lösung offen war? Der Topos des Trommlers als desjenigen, der zur Verkündung eines wichtigen Ereignisses die Menschen zusammen ruft, verbindet sich mit der Figur des blinden Sehers. Er ist eins mit dem Schwarz und Weiß des Bildgrundes, birgt sein Geheimnis ebenso wie dieser. Die Intensität des Bildes resultiert entschieden aus dieser fast symbiotischen Beziehung zwischen Figur und Grund, zwischen beschreibbarem Bildmotiv und dessen nicht konkret fassbarem Gehalt. Eindeutig und klar sind farbliche und formale Komposition, bewusst offen bleibt demgegenüber die inhaltliche Fixierung. Die Frage nach dem Für und Wider der Umkehrung des Bildmotivs stellt sich hier nicht; es ist ein ebenso stimmiges wie „neues“ Bild, das die Möglichkeiten der Abstraktion und die der Figuration zu einer zeitgemäßen künstlerischen Form verdichtet. Es ist ein Bild, das im besten Sinne Assoziationen zulässt, ohne anekdotisch zu sein, das Inhalte suggeriert, ohne sie konkret und unmissverständlich zu bezeichnen. Beherrschend und klar bleibt demgegenüber die malerische Position, der Aufbau der Fläche, das Gegen- und Miteinander der Farben und ähnliches mehr. Nicht ein bestimmter Gehalt steht so und nicht anders zur Diskussion, sondern das Medium Malerei selbst wird hinterfragt. Darüber hinaus belegt „Der Trommler“ das erfolgreiche Zusammenspiel von privater und öffentlicher Hand. Der Wunsch, mit Baselitz eine der gewichtigsten Positionen im internationalen Diskurs um die Frage nach neuen, unverbrauchten Lösungen für die Malerei in seinen entscheidenden Werkphasen zu präsentieren, führte 1993 zu zwei gleichrangigen Erwerbungen aus verschiedenen Umbruchphasen in seinem Gesamtwerk. Parallel zu diesem Ankauf gelangten die „Meißner Waldarbeiter“, ein Hauptwerk der 60er-Jahre, durch öffentliche Mittel in die Sammlung. Damit wurde gemeinsam eine Sammlungsstrategie fortgesetzt, deren Ziel es ist, grundlegende Fragestellungen nicht im enzyklopädischen Überblick sondern durch bedeutende Werkgruppen zur Diskussion zu stellen und so den Dialog zu pointieren.