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Converse Extra Special Value

Warhol, Andy

*1928 in Pittsburgh/Pennsylvania, USA
†1987 New York City/New York, USA

Converse Extra Special Value, 1985 - 1986

Kunstharzfarbe auf Leinwand
294 x 457 cm

Inventar-Nr.: GV 124

Erwerbungsjahr: 2000

© Andy Warhol, 2018

„Success is a job in New York“ war der Titel des ersten Artikels, den Warhol 1949 für die September-Ausgabe der Zeitschrift „Glamour“ illustrierte. Rückblickend können Überschrift und Illustrationen wie eine programmatische Ankündigung von wichtigen Aspekten der Laufbahn Warhols gelesen werden: Erfolg kennzeichnete seine von Geschäftssinn geprägte Karriere zunächst als Werbegrafiker, dann als Künstler, und ein Thema dieser Illustrationen, Schuhe, wurde zu einem immer wieder aufgegriffenen Inhalt seiner Arbeit. Warhol, der „Leonardo der Schuhindustrie“, wurde auch als Künstler erstmals mit Collagen zum Thema Schuh wahrgenommen, als er 1956 in New York „The Golden Slipper Show“ zeigte. Erst 1980 nahm er das Motiv Schuh erneut auf. Nachdem er eine Werkgruppe mit Darstellungen eleganter Pumps unter dem Titel „Diamond Dust Shoes“ realisiert hatte, konzentrierte er sich zunehmend auf sportliche Modelle wie Boots oder Turnschuhe - wofür „Converse Extra Special Value“ ein Beispiel ist. Generell hat Warhol Ausdrucksmittel aus dem Bereich der angewandten Kunst in jenen der freien Kunst übertragen und umgekehrt. Seine Werbegrafik ist besonders anspruchsvoll, weil er das feilgebotene Produkt nicht getreu abbildete, sondern virtuos stilisierte und mit Fragmenten der Hochkultur (wie Zitaten aus der Weltliteratur) bereicherte. In dem Gemälde „Converse Extra Special Value“ besteht hingegen eine Nähe zu Plakatentwürfen, die im Rahmen einer Publicity-Kampagne für den Schuh denkbar wären. Die hier in den Bereich der Kunst übertragenen Elemente der Werbesprache erhalten eine veränderte Bedeutung und erlauben zugleich Rückschlüsse auf die Intentionen des Künstlers. Vergleicht man „Converse Extra Special Value“ mit der als Vorlage dienenden Zeitungsannonce, wird deutlich, dass Warhol nur einige Partien übernommen, andere weggelassen oder neu hinzugefügt hat. Er reduzierte die Anzahl der Schuhe, der Werbeslogans und Preisangaben, verfolgte damit den Kunstgriff der gezielt gesteigerten Darstellungsweise - und erzeugte zugleich eine die Bildmitte betonende Komposition. Slogan und Zahl werden auf eine zentrale Achse gesetzt, die rechts und links von schwarzen Sternen flankiert werden. Wie das zweifach ausgeführte Wort „Converse“ sind auch die Sterne Markenzeichen des Sportartikelherstellers, Signets, die über Warhols Interpretation mit einer Bedeutung aufgeladen werden, die mehr verlangt als das pragmatische Wiedererkennen eines bekannten Produkts. Warhols weiterer Umgang mit Turnschuhen während der Entstehung des Bildes zeigt, dass er die (über die Werbung projizierten) Eigenschaften des Turnschuhs zum Thema erhob. Ihn Interessierte der Turnschuh als Symbol eines propagierten freiheitlichen Lebensgefühls in der Konsumgesellschaft. In einer zunächst überraschend wirkenden Kopplung machte er deutlich, dass dieser spezielle Schuh zugleich für eine wie auch immer geartete Spiritualität steht: In Turnschuhen erschien Warhol 1987 zur Mailänder Eröffnung seiner Paraphrasen auf Leonardos „Abendmahl“. Turnschuhe bedruckte er mit einer Jesusdarstellung oder versah sie auf der Rückseite mit dem Wort „Sin“ (engl Sünde) und er charakterisierte sogar seine Kirchenbesuche mit dem Verb „to sneak in“, was an „sneakers“ erinnert, die man in Kirchen eher an den Füßen von Touristen als jenen von Gläubigen sieht. In „Converse Extra Special Value“ hat Warhol also nicht leichtfüßig eine Werbung zum Bild aufgeblasen, sondern das Porträt einer Gesellschaft erzeugt, deren Werte er gleichzeitig in Frage stellt. So steht das Wort „Converse“ nicht nur für ein „kultisch“ verehrtes Markenprodukt und lässt sich nicht allein mit „(belangloser) Unterhaltung“ und „(vertrautem) Umgang“ übersetzen, sondern bedeutet auch „umgekehrt“ und „Umkehr“! Dieser Aufforderung gemäß können gleichfalls die Zahl 12 und die enthusiastische Wertbeschreibung darunter in einem doppelten Sinn gelesen werden. So haben die für billige 12 Dollar käuflichen Objekte als „Wahrzeichen“ der westlichen Konsum- und Freizeitgesellschaft einen weiteren „Extra Special Value“; ein Wert, der mit „Converse“ sogleich bezweifelt wird. Neben der kommerziellen Lesart kann die Zahl 12 „umgekehrt“ vor dem Hintergrund der gleichzeitig entstandenen Abendmahlsdarstellungen als Hinweis auf christliche Inhalte ausgelegt werden, in denen die Zahl besondere Bedeutung hat. Warhol arbeitet genau an der Grenze zwischen profanen und geistigen Inhalten und macht deren stupend enge Verknüpfung im Alltag bewusst. Er zeigt den banalen Gegenstand und gibt Hinweise auf die komplexen Zusammenhänge, in denen der Mensch mit dem Objekt operiert. Das Bild ist Ausdruck und Analyse des Umgangs mit einem zeittypischen Gebrauchsgegenstand. In diesem Sinne hat „Converse Extra Special Value“ das Potential in sich, zu einer Ikone für Kunst und Lebensverhältnisse in der westlichen Konsumgesellschaft der zweiten Jahrhunderthälfte zu werden.